Dienstag, 26. Juni 2012

So oder So

Dieser Text ist ein Experiment. Sie können ihn so lesen, oder so, oder aber auch so. Sie glauben mir nicht? Bitte schön:

 

Lesen sie ihn SO:

 

„Könntest du mir einen Tee machen, Liebes?“
„Nein, wieso sollte ich? Sag es doch einfach der Küche!“
„So meinte ich es nicht, Liebes. Könntest du mir einen Tee machen?“
„Nochmal Paul, wieso sollte ich das nicht können. Du langweilst mich zu Tode mit deinen komischen Fragen, Ich habe es so satt.“
„Aber, Linda, so war es doch nicht gemeint!“
„Lass mich in Ruhe!“
Linda riss sich los und rannte sie zur Tür. Paul hörte, wie sich die Tür öffnete und hinter ihr schloss, dann herrschte Ruhe, absolute Ruhe
Paul hatte Linda nicht mehr wieder gesehen, seit sie weggelaufen war vor fünf Jahren. Er hatte es sich nie erklären können. Paul hatte ihr doch alles gegeben, was sie wollte und was er konnte.Und das was er ihr nicht geben konnte, hatte das Haus übernommen.
Ja, ja das Haus, ein vollautomatisches Haus.
Er hatte immer nur das Beste gewollt für Linda, und für sich.

„Paul, dein Fünf-Uhr-Tee,“ sagte ein freundliche Stimme und kurz darauf setzte sich ein kleiner Robot mit einer dampfenden Tasse in Bewegung. Perfekt, Tag für Tag perfekt.

...

„Paul, es ist Zeit zum Aufstehen.“ Frühstück am Bett, anschließend gewaschen werden und dann mit dem Aufzug ins Wohnzimmer.
Perfekt!
„Paul, was möchtest du heute lesen, Yeats ist doch dein Lieblingsdichter, ich werde dir ein wenig vortragen.“
Einfach perfekt!
„Paul, Mittagessen, du magst dein Steak doch Medium! Du hattest lange keinen Reis mehr. Ich habe ihn so zubereitet, wie du ihn am liebsten magst.“
Schon wieder perfekt!
„Paul, möchtest du heute Schwimmen, ich habe den Pool schon vorbereitet.“
Unglaublich perfekt.
„Gute Nacht Paul. Schlaf gut.“
Perfekt, dachte Paul.

...

„Dein Tee, Paul. Du magst doch heute Earl Grey.“
Danke, sagte Paul verzweifelt. Er war nicht so perfekt wie Linda. Linda hätte bestimmt einen Tee kochen können. Lachhaft! Und wenn es das letzte war, was er tat, Tee kochen konnte er auch.
Das Letzte?
„Ich möchte noch eine Tasse, bitte!“
„Das ist ungewöhnlich Paul, aber gern.“
Paul stand auf und ging ins Bad.
„Paul, es ist nicht die Zeit zum Baden, hast du einen Wunsch?“
„Alles ist perfekt,“ sagte Paul.
Er setzte sich, leerte all seine Herztabletten in den Tee, rührte gut um und trank den Tee in einem Zug.
Leise verklangen Pauls letzte Worte:
„Es sollte doch alles perfekt sein!“

 

ODER SO:

 

Damals war alles noch frisch.
Paul und Linda, er hatte sich wirklich um sie bemüht und sie war ein hübsches Mädchen, wirklich. Und alles lief prima. Paul arbeitete hart, und Linda versuchte eine gute Hausfrau zu sein, also arbeitete sie auch hart.
Sie kümmerte sich um das Haus, den Garten, die Wäsche. Sie sorgte dafür dass Paul morgens ein ordentliches Frühstück bekam. Sie brachte ihm seine Lieblingsmusik und abends lasen sie Gedichte am Kamin.
Linda war zufrieden mit diesem Leben und er war es auch.
Doch dann kam Paul auf die Idee mich zu kaufen, damit Linda nicht mehr so viel zu arbeiten brauchte. Paul hatte immer ein schlechtes Gewissen gehabt.
Also legte ich los, und alles lief perfekt! Aber Linda wurde unzufrieden. Ich hasse Leute, die unzufrieden sind mit meiner Arbeit. Ich machte schon Pläne, aber eines Tages war Linda weg.
Perfekt!

Also gab es nur noch Paul und mich.
Perfekt!
Ich konnte ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen und ihn umsorgen.
Perfekt.

...

„Paul, es ist Zeit zum Aufstehen.“ Er frühstückte im Bett. Anschließend duschte ich ihn und fuhr ihn ins Wohnzimmer.
Perfekt!
Vormittags lasen wir oft Gedichte am Kamin. Ich liebte es, ihm vorzulesen, Yeats, meistens!
Einfach perfekt!
„Paul, Mittagessen!“
Ich liebte es, sein Steak für ihn zu braten, wie er es am liebsten mochte und Reis dazu, das war meine Spezialität. Darin war ich schon wieder perfekt!
„Paul, schwimmen.“ Ich liebte es, wenn sein Körper durch´s Wasser glitt. Er war unglaublich perfekt.
„Gute Nacht Paul. Schlaf gut.“
Perfekt, dachte das Haus.

...

Paul war seltsam, als ich ihm zum letzten mal seinen Tee brachte. Ich mache mir immer noch vorwürfe, dass ich nichts gemerkt hatte. Im Nachhinein erinnere ich mich an Pauls verzweifeltes Gesicht, als sei etwas mit dem Tee, seinem Lieblingstee, Earl Grey, nicht in Ordnung.
Und Paul wollte niemals eine zweite Tasse Tee.
„Das ist ungewöhnlich Paul, aber gern.“
Und dann gin er ins Bad. Das tat er sonst nie.
„Paul, es ist nicht die Zeit zum Baden, hast du einen Wunsch?“
„Alles ist perfekt,“ sagte er noch. Dann nahm er seine Herztabletten, viel zu viele und schwieg.
„Paul?“
„Antworte!“
„Paul!“
„Was ist mit dir?“
„Es sollte doch alles perfekt sein!“




ODER ABER AUCH SO:

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