Dienstag, 21. Januar 2014

Die Beredsamkeit des Eifelers

Unlängst beschwerte ich mich ja über das Idiom des Westerwälders:
Ich bin im #Westerwald. Leider beraubt der dortige Dialekt die Menschen jeder Sprachmelodie. Das ist traurig...

— Akopasylpe (@iPhelBlues) 11. Januar 2014

 

Ich weiß, ein vernichtendes Laienurteil. Aber ich finde, es strahlt einfach eine gewisse Muffigkeit aus, wenn die Menschen in Wörges (staatlich anerkannter Fremdenverkehrsort im Westerwald) sonntags in die Körschö (christlicher Sakralbau) gehen und anschließend beim Bäcker "für sechsenseschzisch Zent sechs Prötscher (handwerklich oder industriell hergestelltes Weizenkleingebäck)" käuflich erwerben.
Ich habe versucht, am Fuße des Westerwaldes zu leben, es hat mich nicht sonderlich mit Freude erfüllt. Positiv aufgefallen ist mir allerdings die generelle Wortkargheit der wäller Basaltköppe. Und da sind wir bei einer wundervollen Eigenschaft die Westerwälder und Eifeler miteinander verbindet:

Es geht auch ohne Worte.

Aber! Im Gegensatz zu seinem rechtsrheinischen Pendant ist der Eifeler NIEMALS (!) muffig oder unfreundlich zu seinen Gästen! Es soll sogar Momente geben, in denen er richtiggehend gesprächig wird. Dann wiederum verfällt er in eine eigenartige Mischung aus Gesang und Sprache, die weltweit ihresgleichen sucht. Sollten Sie Zeuge eines solchen seltenen Redeschwalls werden, erfreuen Sie sich an der Melodie und lauschen Sie. Es kommt im Redeschwall nicht unbedingt darauf an, was erzählt wird, sondern dass es schön klingt.
Sie glauben mir nicht? Dann schlage ich folgendes Experiment vor: Gehen Sie im schon erwähnten Wörges über die Straße und grüßen Sie einen wildfremden Menschen. Einfach so, weil Sie freundlich sein wollen.  Sie können froh sein, wenn man sie nicht erschießt! Der Eifeler wird Sie freundlich zurückgrüßen und allerfrühestens hinter der nächsten Ecke, außerhalb ihrer Sicht- und Hörweite seine Frau fragen: Wat wor dann dat für eine? Kennze dämm, Elzbett?

Trotz des in diesen letzten beiden Sätzen offenbar werdenden Grundmisstrauens des Eifelers gegenüber allzu Fremdem und trotz des in aller Regel äußerst sparsamen Wortschatzes ist der Ureifeler jederzeit hilfsbereit. Ein abschließendes Döneken (charakteristische Begebenheit) soll diesen Wesenszug verdeutlichen.

Zur Bauzeit vor knapp vier Jahren begab es sich, dass ich einen Baustromkasten brauchte. Man empfahl mir eine Elektrofirma im benachbarten Dorf, und so fuhr ich eines Tages nach dem Dienst mit Oberhemd und Lederschuhen bekleidet zur angegebenen Adresse. Nennen wir die Firma der Einfachheit halber mal Schmitz. Schmitz ist guter alter rheinischer Adel, das passt immer.
Ich stieg also hoffnungslos overdressed (Ich habe mittlerweile dazugelernt, und Sie glauben ja gar nicht, wie selbstverständlich man mit Gummistiefeln und Blaumann bekleidet in den Supermarkt gehen kann.) auf einem mit gewalzter Lava versehenen Hof aus meinem Auto und bemerkte einen Herrn, der mit einem Stapler unterwegs war. Ohne Worte, mit nur einem Kopfnicken gab er mir unmissverständlich zu verstehen, dass ich dort mit meinem Fahrzeug unmöglich stehen bleiben könne, und wies mir mit einer weiteren knappen Kopfbewegung einen Parkplatz zu. Wenige Sekunden später lief ich zu dem Herrn hinüber und fragte, ob dies hier der Hof der Firma Schmitz sei. In aller Seelenruhe stapelte der Herr sein Geschäft zu Ende, stellte dann mit bewundernswerter Ruhe sein Flurförderzeug ab, kletterte mit bestechender  Langsamkeit aus dem Fahrzeug und marschierte, ohne sich nach mir umzudrehen auf das nächste Haus zu.
Dort öffnete er eine Baustellentür, kletterte in der Gewissheit, dass ich ihm folgte über einige Kisten und Rohrleitungen, öffnete eine weitere Tür, ließ mich in ein Wohnzimmer eintreten und sprach dann die Worte: Rallef, Kundschaft!

Wo bitte ist das unfreundlich und muffig. Der Mann war hilfsbereit und wählte seine Worte mit Bedacht. Und Melodie war auch noch dabei. In der Eifel (und in Teilen des Rheinlandes) wird nämlich der Name Ralf grundsätzlich, ähnlich wie Dirk, mit einem musikalischen Binnen-E versehen, wobei das "L" unbedingt so auszusprechen ist, als hinge einem eine heiße Bockwurst bei gleichzeitiger Zungenlähmung im Halse fest.

Kommentare:

  1. Sehr vergnüglich zu lesen! Und lässt mich in Gedanken über das Verhalten einer anderen Art von Hügelbewohnern zurück.

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  2. Du meinst doch nicht etwa den Hunsrücker mit seinem von mir hochgeschätzen Sprechgesang? :)

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