Mittwoch, 12. Februar 2014

Das beruhigende Märchen vom Burnout

Ich hab Wut! Das freut mich, denn daran merke ich, dass sich in mir etwas bewegt und nicht mehr dieser lähmende Stillstand herrscht. Komischerweise ist die Anstrengung die gleiche. Es ist total Hupe, ob ich meine Depression oder die Wut über ihre Wiederkehr aushalten muss. Beides kostet Kraft. Aber Wut ist auch prima, um mal ein paar Dinge raus zu lassen, die mich schon lange bewegen.

Es geht um den Begriff Burnout und den Umgang damit in unserer Gesellschaft. Hinz und Kunz scheint ja unter Burnout zu leiden. Berühmte Fußballtrainer genauso wie prominente Karnevalisten. Das scheint so eine Art Volkssport zu sein.

Volkssport? Humbug! Burnout ist totaler Beschiss! ein sehr trügerischer Begriff.

Burnout ist angeblich eine Krankheit, die nach ICD-10 als Zustand totaler Erschöpfung beschrieben werden kann. Mit dieser Diagnose beschreibe ich keine anderen Symptome, als die, die auch bei einer schweren Depression auftreten: Emotionslosigkeit, völlige Erschöpfung, reduzierte Leistungsfähigkeit, erhöhte Suchtanfälligkeit und schließlich Suizidalität.

Jahaaa, Suizidalität, ihr habt richtig gelesen. Depressive Menschen können in einen Zustand völliger Ausweglosigkeit geraten, und das ziemlich schnell, in der nur noch der Tod als gültige Lösung erscheint. (Heike wollte es mir nicht in den Kommentar schreiben, sondern hat es mir lieber (Danke!) persönlich gesagt: Ich bin stolz, dass ich es bis hierhin geschafft habe, und mich niemand auf den Bahngleisen einsammeln musste! Verdammt stolz sogar!)

So, und alles das wird gesellschaftskompatibel im Wattebausch Burnout verpackt. Burnout, da ist jemand ausgebrannt, der vorher ein Top-Performer war, der es zu was gebracht hat, in unserem auf Leistung und Gefühlskälte getrimmten System. Jemand der sich also, aus welchen Gründen auch immer, so sehr verbogen hat, einem seltsamen System gerecht zu werden, gerecht bis zur völligen Selbstaufgabe, kriegt also im Nachhinein noch einen Orden angehängt. Schau mal, der hat Burnout, der hat was geleistet, der arme Kerl, was für ein toller Hecht!

Das ist doch ein riesengroßer Betrug! Leute gehen an einem Umfeld kaputt das ihnen nicht gut tut und dafür gibt es dann noch einen Orden, der ins System passt....

Ich habe Depression! Kein Burnout und keine Managerkrankheit. Ich habe eine ernste, lebensbedrohliche Krankheit. Punkt!

P.S.: duden.de, werd heute wieder ohne mich glücklich
P.P.S.: Burnout ist von mir aus der Brennschluss einer Raketenstufe! Fertig!

Kommentare:

  1. Danke. Einfach nur danke für diesen Artikel. Und ich schließe mich Heike an: Ich bin stolz darauf, dass du noch hier bist. Und ich bin auch stolz auf Heike, die immer an deiner Seite ist, das kann wahrlich nicht jeder Mensch.

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  2. Liebe Isabell,
    ich hoffe, du weißt, dass auch du stolz auf dich sein kannst. Nach allem, was du mir so erzählt hast, bin ich das zumindest! Pass auf dich auf, ja?

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  3. Lieber Rainer,
    vielen Dank für deinen ausführlichen und sehr persönlichen Kommentar, der glücklicherweise durch weit weniger Wut geprägt ist, als mein Post. Was du mit den verschiedenen Ursachen, also aus dir selbst heraus und von außen beschreibst, kann ich sehr gut nachvollziehen. Wie du ja auch beschreibst, kommt man in solchen Phasen, wenn man beschlossen hat, sich nicht aufzugeben, unweigerlich sehr viel ans Nachdenken. Wenn ich mal meine Depressionsbelastungen so aufdrösele, komme ich zu ganz ähnlichen Ursachen, also Druck von außen und Druck von innen. Im Unterschied zu dir, kann ich das zeitlich bei mir nicht trennen. Bis zum Herbst 2011 hat sich beides gleichzeitig und teilweise über Jahrzehnte angestaut. Die Folge war dann der Zusammenbruch, der eine stationäre Behandlung nach sich zog.
    Was die Medikation angeht, war ich zuerst auch sehr skeptisch, zumal das Zeug ja wirklich die erschreckensten Nebenwirkungen haben kann. Allerdings war ich zur damaligen Zeit überhaupt nicht mehr in der Lage, da mit klarem Kopf drüber nachzudenken. Ich hab die LMAA-Pillen einfach geschluckt, weil ich gemerkt habe, dass sie mich, wie auch immer, abfedern und mich vor mir selbst und meiner Lust an der Selbstzerstörung schützen. Und das war zur damaligen Zeit deutlich besser, als der Zustand in dem ich mich befand.
    Was ich auch kenne, ist die Sache mit den Feiern und dem Nichterscheinen. In so einer schweren Krankheitsphase, ob Krebs oder Depression ist da vermutlich sogar egal, merkst du recht schnell, wer deine Freunde sind, und für wen der Maurer das Loch in der Tür gelassen hat.
    Das ist sicher einer der vielen positiven Aspekte einer solchen Krankheit.

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