Samstag, 8. Februar 2014

Der Tag der Dampfwalze

Die Düsseldorferin hat mir auf meinen letzten Post geantwortet. In diesem Sinne sitze ich jetzt mal wieder an der Tastatur:
Wie sollen Nichtbetroffene oder Cobetroffene (also Angehörige von Depressiven) wissen, wie sie helfen können?

Mein lieber Schwan, ne Nummer kleiner gehts wohl nicht, oder? Ich hoffe, meine werte Gattin (ich wollte dieses Wort immer schonmal wieder öffentlich gebrauchen) weiß dazu in den Kommentaren was zu sagen....:)

Ich kann nur eins tun, ich kann erzählen, wie es mir geht:

Ich habe heute nichts gebacken bekommen. Und mit nichts meine ich nichts. Ich habe bestimmt 14 Stunden geschlafen diese Nacht und war tagsüber immer noch total Matsche. Wie mit der Dampfwalze überrollt. Das kleinste Gespräch kostet mich unendlich viel Kraft. Und selbst zehn Minuten Legospiel mit meiner dreineinhalbjährigen zehrt derartig an meinen Kräften, dass ich danach eine Stunde brauche, um wieder runter zu kommen.
Ich bin schrecklich lärmempfindlich und extrem leicht reizbar. Schnelle Bewegungen machen mich rasend. Ich kann keine drei Seiten am Stück lesen, weil ich zu unkonzentriert bin. Es zieht mir die Augen zu, weil ich zu erschöpft bin, gleichzeitig bin ich zu aufgewühlt, um zur Ruhe zu kommen.
Der Ratschlag mit dem "Geh doch mal spazieren" hilft absolut nicht, dazu fehlt mir die Kraft.

Mein Plan für die nächsten Tage? Einigermaßen zur Ruhe kommen, mir das Ausruhen selbst erlauben, einfach möglichst ohne äußere Reize und Stressoren auskommen. Mehr kann ich im Moment nicht tun.
Mein Halt ist im Moment ein Photo meiner schlafenden Tochter. Als Erinnerung, dass mir die Seuche nicht noch ein halbes Jahr mit meiner Familie klaut. Diesmal nicht!

So, da habt ihr den Salat, live und ungefiltert. Fünf Minuten raus in den Regen, das wird mir jetzt gut tun.

Machts gut und passt auf euch auf!

P.S.: duden.de kann mich heute Abend mal...;)

Kommentare:

  1. Heike Ingenhoven8. Februar 2014 um 21:50

    Der erste Gedanke Deiner Gattin war - und ich zitiere frei nach Alf: Ich halte Dich lieb solange es eben dauert. Mehr geht (meistens) nicht... Ich liebe Dich bis zum Mond und zurück!

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  2. Angesichts der Tatsache, dass es dir offensichtlich nicht gut geht, ist es vielleicht unpassend hier zu sitzen und zu grinsen, doch ich hoffe, dass es dir heute schon wieder besser geht und du mir diesen "Entgleiser" nachsiehst.

    Nein, kleiner hab ich es nicht im Angebot, eine schreckliche Angewohnheit von mir ;) Doch ich hoffe, mit diesem Anstoss auch denen zu helfen, die etwas verloren daneben stehen, wenn die Depression uns mal wieder erwischt.

    Am wichtigsten finde ich es, noch einmal zu betonen, dass Depressive nicht unmündig sind. Wenn sie sagen: DU bist NICHT schuld an meiner Depression, ruhig mal glauben. Denn meistens wissen wir genau was wir tun, wir haben nur nicht immer die Kraft zu tun was wir möchten.

    Es wärmt mir das Herz zu lesen, wie deine liebe Frau Heike zu dir steht! Davor habe ich jede Hochachtung, denn auch sie kostet das viel Kraft.

    Ich habe übrigens einen Trick für mich gefunden, wie ich durch die Phase hindurch komme. Ich schaue mir stundenlang blödsinnige Serien an. Serien, bei denen ich nicht muss. Nichts schläfert mich so gut ein wie fernsehen. ;)) Das wird jeder nachvollziehen können.

    Mir geht es in der depressiven Phase genau wie dir. Extreme Reize sind fast unerträglich. Lärm, Hektik machen mich wahnsinnig. Schon das Verlangen meiner Katzen nach Futter oder Streicheleinheiten nerven und überfordern mich. Keine Sorge, ich füttere sie trotzdem und ich kraule sie auch weil sonst niemand da ist, der das für mich erledigen kann. Wenn ich für mich keine Kraft hätte einkaufen zu gehen, für sie tue ich es. So wie ich es vorher für meine Kinder getan hab. Aber das alles kostet Kraft.

    Ich lese aus deinen Worten, dass du schon viel gelernt hast im Umgang mit deiner Depression. Z.B. anzunehmen. Anzunehmen, dass du die Zeit brauchst, deinem Körper die Zeit gibst sich zu erholen. Gib ihm den Schlaf, den dein Körper fordert. Du hast gelernt zu erkennen was dich stresst, was dir schadet und was dir gut tut. Ruhe z. B.

    Du machst das toll !!! Weiter so !! Ich bin sicher, zusammen schafft ihr das.

    Ganz herzliche Grüße und die besten Wünsche für euch!

    Die Düsseldorferin ;)

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  3. freudscher Verschreiber: ich schiebe ein "Serien, bei denen ich nicht DENKEN muss." nach :D

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  4. Danke für deine Worte und deine Inspiration, die nicht kleiner sein durfte.
    Annehmen, da machst du aber gleich das nächste große Fass auf.... Ja, das mit dem Annehmen ist eine der härtesten Lektionen für mich. Ich bin mit anderen Menschen fast bis zur Selbstaufgabe geduldig, wenn es jedoch um mich selber geht, bin ich der härteste Hund der Welt. Geduldig zu mir sein und mich annehmen...das ist aber schon fortgeschrittenes Profinivea, oder?

    Heute war ich zumindest mal eine Stunde draußen, wenn auch nur beim Arzt. Aber ich hab es geschafft und wenn ich ganz still bin, und ganz geduldig, dann bin ich sogar ein ganz klein wenig stolz darauf, dass ich das geschafft habe. (Das ich ungeduldig bin, dass ich nicht noch mehr geschafft habe, brauche ich nicht extra erwähnen, oder ;)

    Liebe Grüße in die alte Heimat
    Martin

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  5. Und ja! Ich bin jedesmal platt, wenn ich nach einer depressiven Phase zurückschaue und mir klar wird, was Heike ge- und ertragen hat... Danke auch mal netzöffentlich dafür!

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  6. "fortgeschrittenes Profinivea" ist das für die besonders anspruchsvolle Haut von Fast-Vierzigern?! ;o))))

    Aber noch einmal ernsthaft(er): natürlich sind Depressive nicht generell unmündig, aber - und das sollte bei der Offenheit der vergangenen Tage auch mal gesagt werden dürfen - es gab definitiv eine Phase in der Martin nicht in der Lage war wichtige Entscheidungen zu treffen. Manchmal erscheint es mir rückblickend wie ein Wunder, dass er es damals (gerade noch) geschafft hat die wichtigste,richtige Entscheidung zu treffen... (Nein, nicht mich zu heiraten...) Ich meinte in die Klinik zu gehen. Anders hätten wir - vor allem er - es nicht bis heute geschafft. Und ich habe heute vor acht Jahren gesagt, dass wir zusammenbleiben bis der Tod uns scheidet und ich habe das auch so gemeint!
    Mit Liebe und Laienbébécreme ;o)
    Heike

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  7. Ja, um das Thema drücke ich mich noch ein wenig. Wann kannst du als schwer Depressiver noch eigene Entscheidungen treffen und wann nicht. Und vor allem, wie fühlt sich das Rückblickend an... Nicht einfach, das in Worte zu fassen. Ist jetzt wohl nach Junas Burnout schon der zweite Artikel in der Warteschlange. Nur eins vorweg: So komisch es klingt, aber ich möchte diese Erfahrung nicht mehr missen. Sie ist ein wichtiger Fixpunkt in meinem Leben.
    Und ja, ich bin stolz, es bis heute geschafft zu haben!

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