Samstag, 22. Februar 2014

Erinnerung an mein intensivstes musikalisches Erlebnis

Dieser Bericht wurde angestoßen, durch einen kurzen Nachrichtenwechsel auf Twitter unter dem Eindruck der Ereignisse in Kiew im Zuge des #euromaidan. (Wenn du das liest, liebe S.: Nimm dir Zeit zum Lesen.) Es geht um das folgende Stück aus Joseph Haydns "missa in tempore belli", das der österreichische Chor STIMMQUADRAT dankenswerterweise auf youtube zur Verfügung gestellt hat:



Ich schreibe, während ich die entsprechende Passage gerade nachhöre, und ich habe wie damals hemmungslose Gänsehaut. Aber der Reihe nach:

Ich habe damals in einem Orchester mit Laien und Profis gespielt, saß an der zweiten Trompete. Ein Chor hatte uns zur Aufführung dieser Messe gebucht. Zu Anfang war das eine dieser Muggen, wo du in Shorts zur Probe gehst, die Gage pro Ton ausrechnest, und auf einen zweistelligen Betrag kommst, weil die Trompeter wie so oft in der klassischen Musik nicht wirklich was zu tun haben. Du hängst halt rum, erträgst es, wenn ältere Damen im Sopran ihr Vibrato ausschütteln und danach ihre Noten auf deinem Kopf ablegen.

Irgendwann stupst dich der Schlagwerker hinter seinen Wurstkesseln an und flüstert: "Noch zehn!" Dann ist es Zeit aus der Lethargie aufzuwachen und die drei oder vier Töne zu blasen, die der alte Haydn in seinem Genie da so hingepinselt hat. Schließlich hatte er die Messe komponiert unter dem direkten Eindruck der Belagerung Wiens durch die Armeen Napoleons. Mit dem Paukisten zusammen waren wir die napoleonische Armee, während der Chor das Flehen der Österreicher um Frieden darstellt. Also wirklich nichts Spektakuläres, fand der ganze Zinnober doch erst im "Agnus dei" statt, also zum Ende der Messe. Aber es gibt schlimmere Arten, sein Studium zu verdienen, als eine Stunde still zu Sitzen und zum Schluss ein wenig randalieren zu dürfen. Doch diesmal sollte es anders kommen:

Die zwei Proben liefen wie gehabt: Shorts, abhängen und anschließend mit der Cellistin ein Eis essen gehen. Allerdings hatte die Sache einen Haken: Wir schrieben das Jahr 2001 und Aufführungstermin war der 15. September. Kurz vorher wird die Welt erstarrt gewesen sein, fassungslos und verängstigt. Wir haben kurz überlegt, ob wir das Konzert absagen sollten, haben uns aber dann doch für eine Aufführung entschieden.

Das Konzert selbst lief irgendwie, nicht besonders spektakulär, aber ganz am Ende begann der Chor zu singen, ganz leise:

Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis.
Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis.
Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona nobis pacem.


Bis zum letzen peccata mundi baut Haydn eine kaum auszuhaltende Spannung auf. Und tatsächlich geschah in diesem Augenblick in dieser Kirche in Neuss wirklich Musik. Jeder beteiligte war hoch konzentriert, das Publikum war absolut still. Dann die kurze Pause vor dem dona nobis pacem und plötzlich sollte ich diese Fanfaren spielen. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, wie mir das überhaupt gelungen ist. Es muss eine Art Trancezustand gewesen sein. Und dann war über dem Kriegslärm der Chor mit dona nobis pacem - gib uns deinen Frieden zu hören.

Am Ende war Stille - minutenlang.

Erst dann brach ein Applaus los, der schier nicht enden wollte. Ich war nicht der einzige Musiker, der an diesem denkwürdigen Tag hemmungslos weinte.

Kommentare:

  1. Lieber Martin,
    eben komme ich von meiner Haydn-Generalprobe (allerdings Die Schöpfung) und finde deinen Bericht. Gerade heute Morgen habe ich mir die ganze Messe angehört und mir die Entstehungsgeschichte dazu durchgelesen. Auch ich hatte da schon Gänsehaut.

    Ich danke dir von ganzem Herzen!

    Auch weil ich weiß, wie schwer das ist, Erlebnisse, die einen so tief berührt haben, noch einmal zu durchleben indem man sie aufschreibt.

    Selber an so einer musikalischen Darbietung beteiligt zu sein ist schon sehr bewegend, erst recht unter diesen Umständen, an so einem Tag. Du hast es geschafft mit diesem wunderbaren und sehr berührenden Bericht, der parallel dazu auch noch von dem Agnus Dei untermalt wird, eine ungefähre Vorstellung davon zu geben, was in euch an diesem Tag vorging und was alles möglich ist. Mit Musik.

    Nochmal vielen Dank dafür!

    Wenn ich morgen beim Konzert mit dem Chor singe, werde ich ganz sicher auch an dich und diese Geschichte denken!

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  2. Und es ward Licht!

    Ich wünsche Euch für morgen ein gutes Gelingen. Toi toi toi!

    Und ja, was mit Musik möglich ist, ist manchmal unerklärlich. Beim abermaligen durchleben dieser Situation muss ich meine Aussagen bezüglich meines Trompetespiels ein wenig präzisieren: Die Zeit ist erst einmal vorbei, aber ich bin unendlich dankbar für die unersetzliche musikalische Erfahrung und die fundierte Ausbildung, die mir meine Eltern ermöglicht haben. Danke, falls ihr das hier lest, sonst sage ich es Euch nächsten Sonntag persönlich!

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  3. Wie schön! Feuchte Augen habe ich beim Lesen jetzt auch bekommen.

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  4. :) vielen Dank!

    Und dir/euch einen schönen Sonntag!

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