Freitag, 7. Februar 2014

Ich mach doch schon

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[stextbox id="bild"]Unwetter Acryl auf Leinwand - 60x20cm Martin Ingenhoven - 2012[/stextbox]

"Ich mach doch schon." Das war heute meine gedachte Antwort in einem Telefongespräch, in dem ich sagte, dass es mir gerade wieder schlecht ginge. Im letzten Beitrag hatte ich es ja schon vom Verständnis für die Depression als Krankheit. Vor diesem Hintergrund fass ich dann auch den Satz auf, der zu meiner gedachten Antwort geführt hat: Ist das schon wieder da? Mach doch da mal was gegen.

Kabäääm! Genau da liegt doch das Problem: Mach doch da mal was gegen. Bei allem, was ich mache, läuft bei mir automatisch ein Bewertungsmechanismus mit. Und zwar nicht im Sinne einer Qualitätskontrolle, die jeder gesunde Mensch auch hat, im Sinne einer Selbsteinschätzung. Nee, nee, so funktioniert das nicht. Meine Qualitätskontrolle und Selbsteinschätzung ist kaputt. Ich baue sie gerade erst mühsam wieder auf. Und das dauert.
Konkretes Beispiel gefällig?
Gern!
Es ist so, dass ich lange Jahre nichts tun konnte, auf dass ich wirklich stolz war. Selbst wenn das, was ich auf die Beine gestellt hatte in den Augen anderer Menschen wirklich großartig war, so nage in mir immer der Zweifel. Das, was ich gemacht hatte, war nicht gut. Und selbstverständlich war ich deshalb auch nicht gut. Und selbst, wenn ich mich in einem schwachen Augenblick einmal beim Faustschen "Oh Augenblick, verweile doch...." erwischt hatte, legte ich meine internen Maßstäbe einfach ein Stück höher, so dass mein Tun eben nicht mehr gut war. Stolz sein konnte ich ja nicht, das hätte mich also völlig verwirrt. Dann lieber in ein vertrautes Verhaltensmuster fallen. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass das in ziemlichen Stress ausartet, wenn man die Latte ständig reißt, und sie dann, wenn man sie mal nicht reißen sollte, einfach ein klein wenig höher legt...
Diesen irrsinnigen Anspruch hatte ich (und ich kämpfe noch immer dagegen an) wirklich in jeglicher Hinsicht, die ihr, werte Leser, euch so vorstellen könnt.
Jeder Außenstehende weiß, dass so etwas nicht lange gut geht. Als Depressiver kommst du aus dieser Scheißspirale aber nicht alleine raus. Es geht nicht. Es ist so, als wenn du einer Ameise auf einem Blatt Papier etwas von der dritten Dimension erzählst - die guckt dich auch nur blöd an, weil sie es sich nicht vorstellen kann.
Teil meines Genesungsprozesses ist es, etwas zu finden, dass ich ganz ohne Anspruch, Perfektionismus und Lattenhöherlegungszwang tun kann.
Ja mach doch Musik, sagen jetzt die, die mich kennen. Stimmt, mach ich auch. Die Trompete, samt der klassischen Musik und ihrem Perfektionismus hab ich ja erfolgreich verbannt (wenn jemand ne Yamaha YTR 4335 GS braucht, möge er oder sie sich melden), aber wenn ich mit Emerald Isle auf der Bühne stehe, will ich ja auch das Beste für unser Publikum geben. Aber das macht Spaß, das ist etwas anderes. Es ist einfach saustark, mit Christoph zweistimmig zu singen, trotzdem läuft da die Bewertungsmaschine in mir immer noch mit.
Nöö, ich hab mir etwas gesucht, was ich noch nie getan hab, und wovon ich glaubte, auch kein besonderes Talent zu haben. Ich habe angefangen zu malen und zu photographieren. Ich mache das nur für mich, ohne Hintergedanken. Wenn es jemand sehen will, bitteschön, wenn nicht, dann nicht.
Die Photos zeige ich ja schon etwas länger rum, jetzt zeige ich euch zum ersten mal ein Gemälde. Zum Zeitpunkt des Malens war ich übrigens stinksauer, wollte die Leinwand schon wegschmeißen, weil mir meiner Ansicht nach alle misslungen war; bis mir plötzlich jemand sagte: "Hey cool! Jemand im Regen."

UPDATE: Die Juna hat mich im Kommentar auf den Blog von Herrn Overstreet hingewiesen. Er beschreibt ganz ähnliche Erlebnisse. Der Kindskopf zur Studienzeit ist mir nur zu gut bekannt, und die Schutzmechanismen erst...

Kommentare:

  1. Martin, das Bild ist ganz große Klasse! (ich verstehe überhaupt nichts von Kunst, aber ich finde, wenn jemandem ein Bild/ein Stück Literatur etwas sagt, dann ist derjenige auch qualifiziert genug, zu behaupten, dass es gut sei.)
    Ich behaupte auch, qualifiziert genug zu sein, Deine Fotos und Deine Musik (-schnipsel:)) absolut toll zu finden. Aber wie Du so richtig beschrieben hast: Das hilft leider nicht. Denn Du setzt die entscheidenden Maßstäbe. Leider leben wir in einer pervertierten Gesellschaft, die von frühester Kindheit an auf Leistung und Erfolg trimmt - beziehungsweise auf das, was wir aktuell dafür halten. Ich finde das immer noch erstaunlich, denn mit jeder Generation und jeder Gesellschaft wechseln diese Konzepte. Dennoch unterwerfen wir uns alle völlig. Das nimmt auch nicht-depressive regelmäßig schwer mit. Ungleich schlimmer ist der Kampf für jemanden, der mit sich mit Depressionen herumschlagen muss.
    Obwohl es sehr viel berechtigte Kritik an der Diagnose "Burn Out" gibt, bin ich dankbar für sie. Wenngleich sie oft falsch ist, die Betroffenen zum Teil hochdepressiv sind und in Langzeit-Therapie gehören, macht sie doch wenigstens ein bisschen aufmerksamer auf ein grundlegendes Problem unserer Gesellschaft. Wir messen uns alle an den de facto nicht vorhandenen Overachiever-Ultramarathonläufer-Elter-von-vier-Kindern-Menschen. Für die meisten ist das schlicht frustrierend, denn sie sind nicht so schön, sportlich und "erfolgreich" wie sie angeblich sein könnten, wenn sie all den Hochglanzratgebern Glauben schenken. Für Menschen mit Deiner Disposition hat es wesentlich härtere Konsequenzen.

    Was Du schreibst, erinnert mich an mein schlimmstes Jahr. Das Jahr, in dem unsere Große geboren wurde, habe ich mich zweimal ganz, ganz ernsthaft gefragt, ob es nicht wesentlich besser wäre, wäre ich tot. Für einen Menschen mit meiner Disposition ist das ein ganz schlimmes Alarmsignal, auf das damals leider aus reiner Hilflosigkeit niemand reagiert hat. Ich schrie, weinte, schmiss Dinge. Wollte dringend in eine Therapie. Man schlug mir eine Mutter-Kind-Kur vor, aber ich wollte nur weg von diesem immerzu schreienden, nie zufriedenen Kind. Gerade als ich dachte, es geht keinen einzigen Moment mehr so weiter, änderte sich alles.
    Heute denke ich, diese Zeit in meiner eigenen Dunkelheit hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Und ich glaube, und ich bin da nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass "die Depression" oder "die Dunkelheit" vielleicht gar nicht der Feind ist, den man mit aller Macht bekämpfen sollte. Vielleicht ist das, was bekämpft werden muss, vielmehr diese merkwürdige, verschrobene Norm, die aus uns allen Little Miss and Mr Perfect machen will, und die wir so verinnerlicht haben, dass wir manchmal denken, sie ist ein Teil von uns und entsteht aus uns selbst und aus unseren Wünschen. Dieses Bild ist verzerrt, und zwar so sehr, dass es uns krank macht - einen jeden auf seine eigene Weise. Du bist ganz richtig, so wie Du bist. Auch mit Depressionen, denn aus ihnen kann ganz genauso Wunderbares und Wahres entstehen. Nur verschlingen lassen, das darfst Du Dich nicht. Dann hat ein Bild von einer Gesellschaft gewonnen, die willkürlich etwas zur Norm erhoben hat, was bereits in 30 Jahren wieder veraltet sein wird.
    Versteh diesen Kommentar bitte nicht falsch: Ich diskutiere hier keine Krankheit weg. Ich frage mich nur ganz ernsthaft: Was definieren wir als normal, was als krank? Und hätten wir nicht vielleicht gleich ein paar weniger Probleme, wenn wir das sein lassen würden, um uns stattdessen zu fragen: Wo kommt es her, dass sich ein Mensch, dass sich viele, viele Menschen so fühlen wie Du?

    Ich freue mich, dass Du auch mit Deinen Texten in die Offensive gehst. Mindestens einen Menschen hast Du direkt beeinflusst. Der HerrOverstreet hat ebenfalls gebloggt und sich "geoutet" ;), vielleicht hast Du es schon gesehen.
    Danke Dir.

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  2. Danke für deinen ausführlichen und offenen Kommentar. Des Herrn Overstreet Blogpost habe ich noch nicht gesehen, aber das werde ich in drei Minuten nachgeholt haben.
    Zum Thema Burnout brennt mir auch noch so einiges unter den Nägeln. Nur soviel vorweg: So nützlich das Etikett auch ist, ich hasse es wie die Pest!
    Ich denke, dass das derzeitige Gesellschaftsbild vom höher, schneller und besser bei mir eine Rolle spielt. Aber da ich diesem Nichtgutgenug-Ideal ja nun schon ein paar Jahrzehnte nachhänge, hat das Ganze bei mir tiefere Ursachen. Das aufzuarbeiten ist schwer, tut weh, weil man geliebte Zöpfe abschneiden muss und irgendwann anfangen muss, sich von all dem ganzen gelernten Driss (höflich rheinische Umschreibung für das Wort mit Sch.... am Anfang und ...ß am Ende) freizuschwimmen. Das, und das, und das ist eben so bei mir, und das will ich jetzt nicht mehr. Sauanstrengend sowas.
    Das, was du mit "normal" und "depressiv" angerissen hast, ist auch etwas, was mich immer wieder beschäftigt. Wenn es mir dreckig geht (nimm mal den Sturm gerade da draußen als Beispiel), frage ich mich: Geht es jetzt wieder los, oder ist das ganz "normal", empfinden andere das auch so. Das ist ein schwieriges Unterfangen...

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  3. Hallo, das Bild ist klasse, es lässt viel Platz für Fantasie. Ich erkenne eine blonde Frau, die freundlich aussieht, aber über die Schulter trägt sie ein Gewehr.

    Also ich finde es gut!

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  4. Hallo Martin,
    als erstes möchte ich dir sagen, dass mein Kunstverständnis sich lediglich darauf beschränkt, zu wissen was mir gefällt und was nicht, und dass ich dein Bild absolut faszinierend finde. Je länger ich es anschaue umso mehr bilde ich mir ein darin sehen zu können (das ist ja das Schöne an Kunst). Besonders gut gefällt mir die Farbkombination, aus Dunkel und Licht.

    Ich finde es klasse, dass du in erster Linie "nur für dich malst". Etwas tun, einfach weil man Spaß dran hat. Das ist etwas, was unglaublich wichtig ist und was auch ich gerade lerne.

    Diese Bemerkungen "mach doch mal was" habe ich in der Art auch oft gehört. Meiner Meinung nach ist das pure Hilflosigkeit, nicht zu wissen, was man sagen soll, wie man helfen soll. Man möchte, dass es den Menschen, die man mag gut geht. Manche möchten auch gerne etwas tun und es ist sehr schwer zu vermitteln, dass man eigentlich nichts tun kann außer da sein, zuhören oder einfach mal still in den Arm nehmen und Verständnis zeigen. Vermitteln: "Ich bin da wenn du mich brauchst" "Ich fühle mit dir" "Ich verstehe dich", das alles sind Worte/Gesten die unglaublich helfen können. Es geht nicht darum etwas zu tun, damit die Depression weggeht, sondern dem Betroffenen DURCH die Depression zu helfen/begleiten. Leider gibt es immer noch zu wenig Hilfe für Co-Betroffene.

    "Geh mal an die frische Luft" wenn man sich am liebsten verkriechen möchte, sich völlig kraftlos fühlt, ist nicht sehr hilfreich. Sport, spazieren, Hobbys, das sind alles Dinge, die man in den guten Phasen macht. "Gut gemeint" ist eben nur gut gemeint und nicht wirklich hilfreich. Ich kenne beide Seiten der Depression. Bevor es mich selber traf, gab es schon Fälle in meiner Familie. Deshalb verstehe ich die Hilflosigkeit gesunder Menschen sehr gut und weiß auch, dass man diese Ohnmacht nur als selbst Betroffene/r wirklich nachvollziehen kann.

    Das wertvollste, das man als depressiver Mensch lernen kann, ist, etwas zu tun, weil man Spaß daran hat. Du bist auf einem guten Weg! Weiter so! Du machst ja schon ;)

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  5. Hi ho,
    ich habe das Gestern mit einer ziemlichen Wut im Bauch geschrieben, was man dem Text eventuell vielleicht ein ganz klein wenig anmerkt, wobei ich versucht habe, sachlich zu bleiben...:)
    Du hast absolut Recht mit der Feststellung, dass es zu wenig Hilfe für "Cobetroffene" gibt. Heike, meine Frau lernt ganz langsam, meine Zeichen zu deuten, aber auch bei ihr ist die Unsicherheit, was mir gut tut, in den letzten Tagen wieder enorm groß. Wie groß mag da erst die Unsicherheit von Menschen sein, die nicht täglich mit mir zu tun haben, und die mich größtenteils auch nur in gutem bis akzeptablem Zustand ertragen müssen. Das ist ja das säuische an Depressionen: Wir sitzen nicht im Rolli und haben noch alle Arme. Wie will jemand, der mit Depressionen in seinem Alltag nichts zu tun hat verstehen, dass es einfach manchmal nicht geht. Das ist verdammt schwer.
    Vielleicht hilft es, auch in guten Zeiten mit seinen Leuten darüber zu reden, auch wenn es manchmal schwer fällt. Ich weiß es nicht.....
    Jedenfalls hast du mich nachdenklich gemacht. Danke dafür!

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  6. "Orpheus entsteigt der Unterwelt", dachte ich mir, aber da hatte ich den Bildtitel noch nicht gelesen. Mir gefällt das Bild auch sehr gut, aber eigentlich ist das ja auch wurscht, das einzig Wichtige und Wahre ist, dass es dir Freude macht, es zu malen, denke ich.

    Ist das Angebot mit der Trompete ernst und nach wie vor offen? Ich suche nämlich gerade tatsächlich nach einer gebrauchten Trompete (blutiger Anfänger mit der Ambition, alte Muster zu durchbrechen und mal etwas Neues zu machen ...). Gegebenenfalls würde ich mich riesig über eine Nachricht freuen, zum Beispiel an die E-Mail-Adresse, die hier hinterlegt ist: http://zeilentiger.wordpress.com/impressum/. Danke sehr!

    Sehr herzliche Grüße und viel bedingungslose Freude!

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