Mittwoch, 5. Februar 2014

Sie ist wieder da

Keine Sorge, es wird nicht um eine Diktatorin gehen, die zufälligerweise und urplötzlich wieder mitten im Leben auftaucht. Oder vielleicht doch? Nein, irgendwie nicht, den sie war nie ganz weg.

Ich rede von meiner Depression.

Ja, ich habe eine Depression. Nein, ich bin nicht bloß traurig, und ich stelle mich nicht an. Ich habe eine potenziell lebensbedrohliche Krankheit.
Vor zwei Jahren hat sie mich mehrere Monate außer Gefecht gesetzt, komplett über den Haufen geworfen, Teppich weggezogen, bodenlos. Danach habe ich gelernt mit dieser Krankheit zu leben, hatte sie im Griff. Seit einiger Zeit sitzt sie mir wieder im Nacken und raubt mir meine Kraft.
Ihr wollt wissen wie so etwas aussieht? Weil ihr unsicher seid? Weil ihr meint, mich wie ein rohes Ei behandeln zu müssen? Weil ihr peinlich berührt seid? Weil ihr nicht wisst, wie ihr damit umgehen sollt? Weil ihr immer dachtet: Der doch nicht? Der ist doch stark!
Keine Angst, dass ist keine Anklage gegen die böse Welt und die herzlose Gesellschaft. Ich verstehe euch. Sehr gut sogar. Bis vor drei Jahren hatte ich doch auch noch keine Ahnung, was für eine beschissene Seuche ernste Krankheit das ist; weil Depressionen immer noch ein Tabu sind. Oftmals zumindest.

Eine Depression ist eine ernste Stoffwechselstörung. Aber das könnt ihr selber nachlesen. Es soll um meine Depression und meinen persönlichen Umgang damit gehen.

Tolkien hat in seinem dicken Buch mal geschrieben:
Ich fühle mich wie Butter auf zu viel Brot verstrichen.

Ich finde, das trifft den Nagel auf den Kopf. Du verstreichst deine Kraft im Leben wie Butter auf dem Brot. Gesunde Menschen achten darauf, dass die Butter schön dick bleibt. Depressiven Menschen fällt das schwer. Ich zum Beispiel will immer noch mehr Brot beschmieren. Wenn ich merke, dass die Schicht zu dünn wird, lüge ich mich an, dass die Butter noch reicht. Vor drei Jahren habe ich bis zum totalen geistigen körperlichen und seelischen Zusammenbruch gelogen. Seit dem habe ich Techniken gelernt, meine Kraft einzuteilen und mich nicht mehr zu belügen. Ich habe gelernt, dass ich nicht immer und überall perfekt sein muss, dass es nicht noch immer mehr Brot sein muss, dass mein Stück Brot nicht größer sein muss als das anderer Menschen. Weil ich eben auch nur mein eines kleines Stück Butter habe.
Irgendwann hat sich der Alltag wieder eingeschlichen, und damit meine alten, über Jahrzehnte antrainierten Gewohnheiten. Ihr wisst schon, das mit dem Butter verstreichen.

Zum Glück habe ich Menschen an meiner Seite, die mir dabei helfen, meine Kräfte realistisch einzuschätzen, Leute, die mir zur Seite stehen, wenn ich mal wieder abgerutscht bin. So wie jetzt. Und ich hoffe inständig und kämpfe wie ein Löwe, dass ich nicht wieder so tief rutsche, wie vor drei Jahren. Diesmal kriegst u mich nicht wieder komplett, du Scheißseuche Depression.
Und nein, Menschen mit Depressionen stellen sich nicht an. Wir können nicht einfach wieder auf Knopfdruck fröhlich sein und funktionieren. So funktioniert Depression nicht.

Nicht überzeugt? Na dann recherchiert doch einfach mal, bei welchem Verein Robert Enke gerade unter Vertrag steht.
Ganz genau! Depression ist keine Wehleidigkeit, sondern eine potenziell tödliche Krankheit.

Kommentare:

  1. Hallo Martin,
    Respekt das Du das hier schreibst, ich hoffe Du bekommst es in den Griff!
    Ich selber kann mir das nicht vorstellen, darum weiß ich auch nicht so recht was ich schreiben soll, aber das es sich um keinen "Kindergeburtstag" handelt, war mir schon immer klar.

    Also, Kopf hoch, Du packst das schon!

    Grüße,
    Rainer

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  2. Ich kann immer wieder nur Danke sagen. Danke an Menschen wie Dich, die über ihre Depression schreiben. Sie so vielleicht auch Menschen näher bringen, ein bisschen erklären, die selber nichts direkt damit zu tun haben.

    Gleichzeit gibt es mir immer wieder Mut und Kraft zu lesen, dass ich nicht alleine mit meiner Depression bin. Dass ich mich nicht anstelle, mich hängen lasse.

    Ich würde mir wünschen, dass mehr Nicht-Betroffene sich damit befassen und versuchen Depressive zu verstehen. Ihren Kampf mit oder gegen die Depression. Zu verstehen, wie viel Kraft es braucht, sie immer wieder durch zu stehen. Sich der Depression nicht völlig zu ergeben, nicht ganz aufzugeben. Sondern an den Tagen, an denen es einem gut geht, ein halbwegs normales Leben zu führen.

    Danke Dir! Ich wünsche dir viel Kraft für Deine Zukunft!

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  3. Irgendwie ist sie schon auch eine Diktatorin, finde ich. Sie übernimmt die Regie. Und es erfordert so viel Kraft, sie wieder zu entmachten, dass man sich manchmal fragt, ob man sich nicht besser mit ihr arrangieren sollte. Aber sie macht sich immer breiter und mischt sich in immer mehr Bereiche des Lebens ein und irgendwann geht es auf Leben und Tod. Da muss man sich entscheiden.

    Ich wünsche dir alles Gute und viel Unterstützung! Wenn du magst, schau doch mal auf meinem Blog vorbei. Ich schreibe auch mit Depressionen.
    Lieben Gruss!

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  4. Hi du,
    ja, Depression ist eine Diktatorin. Manchmal sehr präsent, manchmal nur im Hintergrund. Aber sie ist immer da. Ich habe lange gebraucht, um das zu akzeptieren. Sicher kennst du die Phase, des Nichtwahrhabenwollens, des Leugnens...
    Mit der Depression Arangieren, anders funktioniert es nicht. Manchmal hilft es mir, wenn ich es von der organischen Seite versuche zu sehen: Diabetiker haben auch eine Stoffwechselstörung und müssen sich arrangieren. Viel anders ist es bei uns auch nicht, oder? Zumindest auf dieser Ebene...

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  5. Ich kann auch immer nur Danke sagen. Danke für alle mit dieser Krankheit, die darüber schreiben. Natürlich sind die Ursachen für diese Krankheit so individuell wie die Erkrankten. Keiner von uns kann für die anderen schreiben. Aber zum einen gibt es das Gefühl von "Scheiße, das kenn ich doch auch!" und zum anderen gibt es für Nichtbetroffene ein Bild, wie es mit dieser Scheißseuche Diktatorin Depression so ist.
    Und ich danke für alle gesunden Leser, die sich mit dem Thema befassen und die Krankheit ernst nehmen.

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  6. Rainer, alter Photogenosse. Es kommt doch gar nicht darauf an, dass du weißt, was du schreiben sollst. Grüße sind doch perfekt. Und gerade du bist doch ein Beispiel, dass so eine Krankheit auch gute Seiten hat.
    Ja, ehrlich!
    Ohne die Depression hätte ich wohl so schnell nicht wieder den Zugang zu Kunst und Photographie bekommen, hätte nicht gewagt, mein Zeug öffentlich zu zeigen, und wir hätten uns (wenn auch vorerst nur virtuell) nie kennen gelernt.
    q.e.d. ;)

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  7. Heike Ingenhoven7. Februar 2014 um 20:13

    Ich liebe Dich! Bis zum Mond und zurück. Und - um unseren Hochzeitsspruch (den, den uns unser Pfarrer geschenkt hat) zu zitieren: Trotz Allem! Auch mit Depression! Ich bin jeden Tag sehr (!) stolz auf Dich und beim Lesen dieses Textes ganz besonders...
    In Liebe
    Maus

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