Samstag, 1. März 2014

Mein Leben mit einem Depressiven - Gastbeitrag

Wie schon angekündigt, war Heike so lieb, einmal ihre Perspektive auf unsere Situation zu schildern. Ich bin sehr froh, dass sie das in einem sehr liebevollen, persönlichen und offenen Text getan hat.

 

Mein Leben mit einem Depressiven - oder lieber:
Mein Leben mit der lebensbedrohend erkrankten Liebe meines Lebens


Ich soll also nun was schreiben... Naja, ich wurde ganz freundlich darum gebeten.
Und, wer mich kennt wird gleich schmunzeln, auch wenn es mir sonst nie an Worten fehlt (hüstel, hüstel...) so bin ich doch sehr unsicher was ich jetzt schreiben soll.

nachträglicher Einschub: war mal wieder nix mit fehlenden Worten - ich bitte die Länge des Artikels zu entschuldigen...


Also dann: mein Mann ist depressiv. Und zwar nicht so ein wenig "burnout schlecht drauf" (die wirklich Ausgebrannten sehen mir das jetzt hoffentlich nach) sondern Martin ist schwer depressiv.
Eine Krankheit, die uns nun seit fast 2,5 Jahren begleitet und unserer Leben entscheidend verändert (hat) und prägt. "Damals", als alles begann habe ich, von meinem geliebten Prof. während des Studiums "Betriebsnudel" getauft, zunächst gedacht: "Naja, war ja schon verdammt viel die letzten Jahre: mein Studium, Martins erste feste Stelle, unser Umzug nach RLP, meine zwei Studienabschlüsse, unsere Hochzeite(n), meine unzähligen Probespiele in ganz Deutschland (nicht schön!) + Praktikum im Gürzenich Orchester (schön aber hart!) + div. Orchesteraushilfsjobs (wunderschön aber anstrengend) dann doch lieber Selbständigkeit im pädagogischen Bereich (traumhaft aber viiiiel Arbeit), parallel Verbeamtung von Martin mit Stellenwechsel nach Bad Kreuznach (!): Pendelei (bis dahin war ich mit rund 50.000 km im Jahr die Vielfahrerin der Familie), dann der Wechsel nach Andernach, Umzug innerhalb Vallendars - Käferplage, Schwangerschaft und Hausbau gleichzeitig- ach ja und mein Konzertexamen und und und... So vieles, was ich jetzt vergessen habe... Na da kann man schon mal richtig platt sein. Vor allem wenn der süße Sonnenschein mit seinen gerade 1 J. die Bude rockt ;o)
Aber weit gefehlt. Das was da begann war etwas anderes. Was folgte war zunächst Angst. Und ich rede jetzt nur von mir. Angst um Martin: wird er das überleben? Wird er wieder gesund? Wird er noch der Mann sein, in den ich mich verliebt habe? Wird er mich hinterher noch lieben? Wird er mir für irgendwas die Schuld geben?
Was kam waren sieben lange Monate, allein mit Emma, allein mit meiner Energie, mit meinem neuen Job (ein Segen, dass ich intuitiv im Sommer am Raiffeisen-Campus angefangen habe - ich war selten beruflich glücklicher!). Was ich gemacht habe ist funktionieren. Und futtern... Beides habe ich mittlerweile wieder im Griff, mal mehr mal weniger erfolgreich, aber ich habe viel gelernt in den Jahren.

(Anmerkung beim Korrekturlesen: Natürlich hatte ich Hilfe von meiner und Martins Familie und unseren Freunden! Sonst hätte ich das nie geschafft!)


Nach Monaten voll Warten, Hoffen, immer wieder vertröstet werden dann endlich: Heimkommen! Doch oh je. Martin ist sich nicht mehr sicher ob er mich noch liebt. Völliges Erstarren... War da nicht eben noch ein Teppich unter meinen Füssen??? War nicht unsere Liebe der Kraft Antrieb in der schweren Zeit? Doch halt, wer hat denn da gedacht, die sei schon vorbei? Nee nee... Er hat sich dann doch für mich und uns entschieden und dann lagen Monate harter Arbeit vor uns. Ja, natürlich vor allem für Martin: wieder ins Leben zurück finden, in die Familie, in die Partnerschaft in den Beruf. Aber auch für mich und Emma. Immer wieder alles neu. Immer wieder alles anders. Wiedereingliederung in den Job: ein Jahr immer wieder Veränderung, neue Belastungen - für uns alle drei!, dann kurze "Haltephase" und schon ging es weiter: wieder ein paar Stunden mehr im Job, wieder Veränderungen im Krafthaushalt und Alltag der Familie. Dann endlich "Ruhe" - naja, sowas gibt (gab) es bei uns ja eh nicht...
Immerhin ist es all die Jahre nach dem absoluten Tiefpunkt damals kontinuierlich bergauf gegangen - ja manchmal gaaaaanz langsam, manchmal mit langen Phasen des Stillstands aber ich bin dankbar, dass es immer weiter gegangen ist!
Zwischendrin waren Emma und ich zur Kur - ich habe irgendwann erkannt, dass der Weg lang und mein Akku nur wiederaufladbar und nicht unendlich ist.
Jetzt der Rückfall. Blödes Wort! Die Rückkehr der Depression ist besser. Es ist zwar so schlimm wie damals, aber andererseits auch wieder nicht. Vieles geht jetzt besser. Wir wissen jetzt eher, was "das" ist. Wir (aber vor allem Martin) haben (hat) Mechanismen gelernt, viel trainiert und jetzt profitieren wir davon. Zumindest in nur halbschlimmen Momenten. Und: wir haben (immer noch!) uns!
Wie ich mich dabei fühle? Manchmal: leer, wütend, traurig, verzweifelt, panisch, von Sorgen zerfressen, meistens: ruhig. Wieso? Keine Ahnung. Nun wir schaffen das. Was anderes darf einfach nicht sein. Aufgegeben wird nicht. Dann wäre ich nicht ich und die ganzen Jahre wären für die Tonne. Außerdem hat Emma ein Recht darauf. Auch darauf, dass ich da bin. Mit Kraft, Zeit und vor allem Liebe - letzteres war noch nie ein Problem, bei den anderen Punkten bin ich mir da nicht immer ganz sicher wie gut ich das mache. Aber ich gebe mein Bestes. Auch bei Martin. Was anderes kommt nicht in Frage. So bin ich halt. Und: ich habe wundervolle Menschen an meiner Seite. Meine Familie, meine Freunde und Freundinnen (ich weiß, dass Ihr wisst, dass ich Euch meine, deshalb verzichte ich auf Namen!) - seit 2,5 Jahren mein zweites Fundament. Neben meinem Mann und meiner Tochter der Grund warum ich das alles schaffe. Dank Ihnen habe ich ein Ventil, denn auch ich muss mal Dampf ablassen - Betriebsnudel hin oder her. Dass, was ich meinem Mann an emotionalen Ausbrüchen meinerseits erspare(n muss), weil ich genau weiß, dass es ihn krankheitsbedingt völlig überanstrengen würde, kann ich dort lassen. Ohne diese Menschen wäre ich wahrscheinlich mittlerweile entweder selber depressiv oder weggelaufen (und wahrscheinlich auch todunglücklich).
Aus irgendeinem Grund weiß ich - und ich hoffe, dass das nicht arrogant klingt - das ich nicht Schuld habe an alle dem. Und als ich vor dem Altar "Ja" gesagt habe als der Herr da vorne von "und bis der Tod Euch scheidet" sprach, da habe ich das auch so gemeint.
Einen weiteren Grund habe ich gerade noch bei meiner einen sechsten Klasse unterrichtet: "And do unto others, as you'd have done to you" (Sixx: A.M. - Skin)
Einer meiner Grundsätze im Leben: ich versuche immer andere so zu behandeln, wie ich selber behandelt werden möchte. Würde ich wollen, dass Martin mich aufgibt? Nein. Also: Trotz allem! Das Motto unserer Hochzeit - auch wenn Pater Hau das auf Gott bezogen hat - ich bin dankbar dafür. Und für meine Familie. Ich liebe Dich Martin. Bitte sei stolz auf Dich, ich bin es jeden Tag.
Bis zum Mond und zurück.
Heike

Kommentare:

  1. Einfach nur Danke!

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  2. Was für ein schöner und klarer Text!
    Bei uns bin ich die Depressive, mein Mann derjenige, der mich durch dick und dünn begleitet und umsorgt hat. Trotz vieler, vieler Gespräche kann ich nicht wirklich nachvollziehen, wie das wohl für Partner ist, wenn der/die andere sich in einem grauschwarzen Abgrund hinter einer dicken Glasmauer verliert. Umso schöner zu lesen, dass es sich irgendwie zu lohnen scheint, mit einem/einer Depressiven durchzuhalten.

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  3. Danke. Danke, dass du so darüber schreibst, dass du mal die Sicht von Außenstehenden schilderst. Auch wenn ich schon Freunden geholfen haben, die depressiv sind, war ich trotzdem immer auch eine Betroffene. Du hast einen tollen Mann an deiner Seite.

    Als ich euch besucht habe (das ist schon viel zu lange her, finde ich ;-) ), habe ich mich bei euch gleich so wohl gefühlt. Ihr als Familie strahlt eine unglaubliche Liebe und Wärme aus. Was mir vor allem sehr in Erinnerung geblieben ist, war dieser eine Satz, als ihr nebeneinander auf der Couch gesessen habt: Ihr habt euch in die Augen geschaut, als Martin grinsend "Du fette Furie" sagte, euer Insiderwitz...In dem Moment, als ich euch da gesehen hab, dachte ich nur "Ja, das ist Liebe. Tiefe, ehrliche Liebe.".

    Ihr schafft das. Zusammen.

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  4. Liebe Heike,
    zunächst einmal vielen Dank für diesen wirklich toll geschriebenen Beitrag.

    Aus deinem Text springt einem deine Energie förmlich entgegen. Unglaublich und bewundernswert ist das gerade deshalb, weil ich weiß wie kräftezehrend nicht nur die Depression selber ist, sondern auch mit einem Depressiven zu leben.

    Bewundernswert ist auch, wie viel Liebe aus deinen Worten spricht. Liebe, die dir wohl (u.a.) diese Kraft gibt. Das macht Hoffnung!

    Es ist überhaupt nicht arrogant, dass du weist, dass die Depression von Martin nicht deine Schuld ist. Im Gegenteil. Ich finde es klasse und es ist so wichtig für den depressiven Part in der Beziehung, nicht auch noch die Last haben zu müssen, sich ständig erklären zu müssen, warum man sich gerade so schlecht fühlt und dass niemand schuld daran hat.

    Hut ab vor Menschen wie dir, die so zu ihren depressiven Partnern stehen und den Menschen, die dich dabei unterstützen, die dir Halt geben, die Möglichkeit deine Emotionen rauszulassen, dir zuhören und dich stützen. So ein soziales Umfeld ist unbezahlbar und unglaublich wichtig.

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  5. Damit ihr nicht denkt: "Wie beschimpft denn der seine Frau?", erzähle ich kurz die Anekdote, wie es zu dieser Beleidigung kam:

    Heike spielte vor ein paar Jahren in einem Musical unseres Freundes Hans Martin Gräbner im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth. Sie hatte mir für eine Vorstellung eine Karte besorgt, und ich bin dann mal eben (!) für einen Tag da runter gefahren. Ich hatte einen ziemlich guten Platz im Parkett. Irgendwann im Laufe des Stückes ist dann der legendäre Satz in die Richtung der Hauptdarstellerin gefallen: "Du fettte Furie!" Zum Glück hatte Heike an der Stelle gerade nichts zu tun, und wir beide konnten uns genüsslich angrinsen. Seitdem ist das so eine Art Liebesbezeugung zwischen uns beiden. :)

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  6. Vielen Dank für diesen tollen Text!! Mir fehlen allerdings im Moment _wirklich_ die Worte, und bevor ich irgendetwas zerrede, belasse ich es bei einem: Er hat mich tief bewegt!

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  7. Danke für die lieben Reaktionen ;o)
    Heike

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  8. Danke!

    Danke für diese Sicht der anderene Seite. Und Danke für diesen wunderbar klaren Text.

    Auf meiner Seite bin ich die Depressive und nach Jahren des "Nun hab dich nicht so!", "Das wird schon wieder!" und "Lass Dich doch nicht immer so hängen!" habe ich endlich Halt und Verständnis gefunden.

    Trotzdem ich weiß, dass es für die "Anderen" immer schwierig ist, mit mir in diesen Zeiten umzugehen - ich bin dankbar für diesen Einblick.

    Und sicher ist: Du bist nicht schuld. Niemand ist das. Eine Schuldfrage gibt es hier nicht.

    Macht weiter. Ich drücke euch die Daumen.

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  9. Machen wir! Also weiter! Eine andere Wahl bleibt uns nicht, oder ...

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