Sonntag, 1. Februar 2015

1000 Tode schreiben

Der folgende Text ist mein Beitrag zum Buchprojekt "1000 Tode schreiben"
Ich widme ihn den wundervollen Menschen, die ich im letzten November kennen lernen durfte.


Cornelia ist tot. Einfach so.
Also natürlich nicht einfach so. Aber so plötzlich. Gestern waren wir noch unten im Raucherpavillon. Wir haben geredet und geraucht, wie immer. Cornelia war verschlossen, ich habe sie ermutigt, von sich zu erzählen. Sie hat nie viel von sich erzählt. Von einer fatalen Entscheidung vor drei Wochen war immer die Rede. Welche Entscheidung das genau war, habe ich nie herausgefunden.
Heute morgen war ich wieder zum Rauchen unten und Cornelia hat gefehlt. Verschlafen, dachte ich. Als ich wieder oben war, hieß es: Stationsversammlung.

Cornelia ist tot. Einfach so.
Klar, das hier ist eine psychosomatische Klinik. Da passiert so etwas. Die Ärzte haben uns auch versucht, zu erklären, dass keiner von uns Schuld trägt, dass selbst sie als Ärzte Cornelias Tod nicht haben kommen sehen. Von einem Unfall war die Rede.
Unfall, Unfall! Das kann alles heißen. Verkehrsunfall, Zugunfall, sogar Medikamentenmissbrauch zählt bei der Polizei erst einmal als Unfall. Das war mir lange nicht bekannt.
Am Nachmittag machte dann eine Information die Runde. Natürlich nichts Offizielles, nur über den Flurfunk. Cornelia sei gesprungen, vom Altenheim. Die Polizei kenne den Platz. Aber ändert das etwas für uns? Ist es wichtig, wie sie starb? Ist das Warum nicht entscheidend?

Cornelia ist tot. Einfach so.
Wir konnten das nicht packen, nicht begreifen. Wollten nicht wahrhaben. Langsam, ganz langsam hat jeder einzelne von uns erzählt, wann er selber einmal vor der Entscheidung stand, zu springen. Mal wurde heimlich in einer Ecke gesprochen, mal in Gruppen. Wir waren viele, und das hat geholfen. Zumindest hat es Cornelias Tod für uns geändert. Wir waren nicht mehr sprachlos, nicht mehr in unseren eigenen Schneckenhäusern vergraben. Für zwei Tage hat Cornelias Tod unsere Panzer zerstört.
Kann man deshalb sagen, dass ihr Tod einen Sinn hatte? Dürfen wir das? Wir kannten sie kaum. Eine Klinik ist so anonym.

Cornelia ist tot. Einfach so.
Wer war sie? Cornelia wirkte immer wie ein Geist. Wie ein geschlagener, geknechteter Geist. Und sie hat geraucht. Selbst gedrehtes Kraut. Und sie hatte diese alten Klamotten an. Schimanskijacke.
Aber wer war sie wirklich? Ich kannte sie nicht. Keiner von uns kannte sie. Aber Cornelia war immer da. Wir hatten sie gern bei uns in der Raucherecke, wo die Entspannten herumstehen. Ob Cornelia das wusste, ob sie es jetzt weiß? Waren wir sowieso machtlos? Oder haben wir ihr einfach nie das Gefühl gegeben, zu uns zu gehören. Fragen, die bleiben werden. Und jetzt?

Cornelia ist tot. Einfach so.
Wir haben sie nie mehr gesehen. Der Tod ist eben klinisch. Welche Ironie!
Und wir? Am dritten Tag haben wir angefangen, uns zu streiten. Dürfen wir noch trauern? Müssen wir trauern? Was bedeutet ihr Tod für uns? Was darf er bedeuten? Wer hat die Deutungshoheit? Warum ist sie gestorben? Was wollte sie uns damit sagen?
Streit? Das wollte sie doch sicher nicht. Oder doch? Wir kannten Cornelia nicht, aber sie war wichtig für uns. Gerade im Tod. Welche Ironie.

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