Samstag, 28. März 2015

Versuch, die Gedanken zu ordnen

Genau die Frage stellt sich mir seit einigen Stunden.

Ja, ich bin fassungslos. Fassungslos, dass 150 Menschen tot sind. Kinder, Väter, Mütter, Brüder, Schwestern, Menschen mit Freunden und Familien, denen ein Leid widerfahren ist, von dem ich nicht weiß, wie ich damit umgehen würde.

Fassungslos über mich, weil ich nicht verstehe, dass mich der Tod dieser 150 Menschen mehr berührt, als 150 tote Flüchtlinge vor Lampedusa. (Nein, ich will hier kein Leid gegeneinander aufrechnen, ich war nur von meinen eigenen Mechanismen geschockt.)

Ich bin fassungslos darüber, was sich gerade in Teilen unserer Gesellschaft abspielt.

Mir war am Dienstag relativ schnell klar, dass ich Twitter meiden würde. Mir war klar, dass ich all die sinnlosen RIP-Tweets nicht ertragen würde. Ich versuchte es zumindest. Aber warum, der Wahnsinn ist doch überall.
Ja, es sind 150 Menschen tot!

Ja, es gibt einen starken Verdacht, dass es einen Menschen gibt, der dieses Unglück herbeigeführt hat.

Aber ich bin fassungslos, ob der Menschenjagd, ob des unqualifizierten Mülls und ob der Stigmatisierung psychisch kranker Menschen. Und nein, es ist nicht nur die BLÖD-Zeitung, die sich an einem mutmaßlich kranken Menschen aufgeilt, auch wenn die ersten Zeitungen mittlerweile zurückrudern und das Adenauersche Motto leben: "Dat hab ich nich jesacht, und wen ich et so jesacht hab, hab ich et nich so jemeint." Beides ist schändlich, menschenverachtend, widerlich ... Dasselbe gilt übrigens auch für die kruden Verschwörungstheorien, die natürlich nicht ausbleiben.

Lassen wir doch bitte mal kurz zwei Szenarien annehmen. Nur so, weil zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht alle Fakten bekannt sind. (Achtung: Indizien sind keine Fakten!)

Szenario 1: Der Grund für den Flugzeugabsturz war eben nicht der Copilot. Wie bitte will die Presse, wie bitte will jeder Journalist, der gerade vor Geilheit triefend in Haltern, Montabaur oder Düsseldorf abhängt, jemals wieder irgendjemandem ins Gesicht schauen? Nur mal so als Frage dahin gestellt ...

Szenario 2: Ja, der Copilot hatte gesundheitliche Probleme, und ja, es waren psychische Probleme. Könnt ihr euch (ja ich weiß, es sind 150 Menschen tot) bitte nur mal ganz kurz vorstellen, welche Höllenqualen ein Mensch jahrelang gelitten haben muss, der zu einer solchen Tat fähig ist? (Psychopath, psychotisch, Depressiv spielt da fast keine Rolle.) Solch ein Mensch muss völlig verzweifelt gewesen sein! Könnt ihr euch bitte ganz kurz vorstellen, wie es den direkten Angehörigen geht? Angehörige psychisch kranker Menschen leiden mit, vorher und jetzt erst recht. Sollte es wirklich gelingen, dass ein Mensch eine pychische Erkrankung jahrelang perfekt versteckt (ja, das geht. sehr gut sogar), wie groß muss der Schock, wie schwer die Selbstvorwürfe danach sein?

Ich verachte jeden Journalisten, der in Montabaur abhängt! Lasst diese Menschen in Ruhe!

Und ja, liebe BLÖD-Zeitungsschmierfinken, ich bin fassungslos. Nach einem Amoklauf sind es Autisten, jetzt ist es ein Depressiver. Fein, da ist ja der Schuldige. Weiter im Text, wo ist die nächste Sau zum Durchsdorftreiben. Ich verachte euch zutiefst für jeden einzelnen Buchstaben, den ihr bis hierhin geschmiert habt (und ja, ich schließe da einen sehr großen Teil der deutschen Presse und Fernsehlandschaft mit ein).

Für zwei Wochen sind wir Psychos jetzt die Monster, spätestens nach Ostern sind wir wieder die, die sich nicht so anstellen sollen und die, die müde auf Krankenschein sind.

Bitte belehrt mich eines Besseren.

Bitte!

Kommentare:

  1. Ach Martin,

    eines besseren belehren............. wie denn........

    Zitat: "Für zwei Wochen sind wir Psychos jetzt die Monster, spätestens nach Ostern sind wir wieder die, die sich nicht so anstellen sollen und die, die müde auf Krankenschein sind."

    dies ist nun für unsere Familie in mehrfacher Hinsicht seit Jahren Fakt!

    Ich hab hier ja direkt mehrere Diagnosen zur Auswahl......... Autismus, PostTraumatischeBelastungsStörung (PTBS) und Depression.

    Was mich (noch, nicht immer) aufrecht hält, ist mein absoluter Widerwille mich dem gesellschaftlichen System zu beugen!

    Das aller Schlimmste an dem ganzen Müll,

    NIEMAND fragt, wie man einen PTBS durch Mobbing VERHINDERN kann
    NIEMAND ist gewillt, über einen LANGEN Zeitraum wirklich UNTERSTÜTZEND den Personen zur Seite zu stehen
    NIEMAND ist real und reell gewillt die notwendingen Nachteilsausgleiche (NTA) zu geben
    (aber genau dagegen kämpfe ich an, ich will das sich was ändert!!)

    Es wird Hysterie und Angst geschürt.

    So, was kannst Du und ich und so viele Andere denn nun tun??

    Wenn es der Autismus ist, "der durchs Dorf getrieben wird", dann wehre ich mich lauthals, im Netz und privat, so gut ich eben kann. Gleichzeitig versuche ich die Kinder vor der Berichterstattung zu bewahren! :idea:

    Jetzt, versuche ich mich und meinen Mann gut zu beobachten. Wir versuchen, uns so gut es geht Halt zu geben!

    Und bin dankbar für jedes "Passt gut auf Euch und Eure Lieben auf", denn zwischendurch wird es halt von dieser dämlichen Presse überlagert!! :idea: Danke für so manch lieben Aufruf!

    Und ansonsten.........

    die betroffenen Autisten werden langsam zu einer nicht mehr zu überhörenden Stimme im Netz. Sie schließen sich zusammen. Das passt vielen nicht!! Mir egal! Es geht nicht anders! Wir wehren uns Punkt

    Und es ist wahrlich nicht einfach, sich zusammen zu schließen. Viele Autisten haben zusätzlich Depression und/oder PTBS. Auch darüber berichten sie recht offen!

    Weißt Du noch, über das Wehren habe ich Deinen Blog gefunden.

    Wir können etwas erreichen, quälend langsam, aber ich denke, es ist die einzige Möglichkeit.

    Wehren und je nach persönlicher Möglichkeit aktiv werden. Jeder ein kleines bisschen. Gänzliches Verstummen und Verstecken hilft nicht.

    Das das schwer ist, ja........... absolut, geht nicht immer, aber immer wieder etwas!

    Und an dem "immer wieder etwas" da halte ich mich dran fest!

    Denn wir haben ja auch "Nicht-Betroffene", die den Mund auf machen, die Verständnis über Verstehen erlangen und unterstützen. ;) :idea:

    Und was mir auch hilft, Du und ich, wir sind nicht allein!

    Bitte, pass auf Dich und Deine Lieben auf!

    LG Anita

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  2. Liebe Anita,
    "belehrt mich eines Besseren"... Vielleicht glaube ich einfach immer noch zu sehr an das Gute ... Aber es lässt nach. Dein Kommentar hat mich sehr nachdenklich und überlegend hinterlassen. Viele der Gedanken, die du mit anderen ausgelöst hast, habe ich heute schriftlich festgehalten. Auch wenn es Geduld erfordert, bleibt uns wohl doch nur reden und aufeinander aufpassen. Aber das ist doch schon mal eine ganze Menge.

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