Montag, 30. März 2015

Vertrauen oder nicht

Ich möchte heute mit euch einige Beobachtungen teilen und daraus ein paar Gedanken ableiten. Dazu lehne ich mich, der Struktur halber, an den dialektischen Dreischritt an. In der These bin ich mir nicht zu schade, den Godwin zu geben. In der Antithese möchte ich auf einige Fallbeispiele und eigene Erfahrungen zu sprechen kommen. In der Synthese möchte ich abschließend versuchen, einige Alternativen im Umgang mit psychischen Erkrankungen aufzuzeigen.

These:
Teile dessen, was bis letzte Woche als "seriöse Presse" bekannt war, beginnt zurückzurudern und meint jetzt, "fundierte" Artikel zum Thema Depression schreiben zu müssen. (Anmerkung: Indizien sind keine Fakten.) Ich werde auf diese Artikel nicht verlinken, weil ich keine Klickzahlen generieren möchte, und niemanden triggern möchte, nur weil ich auf teils menschenverachtendes Gedankengut in den Leserkommentarspalten verlinke. (Wen es interessiert, der werfe die allwissende Müllhalde seiner Wahl an.) In der aufgeheizten Stimmung, die die Presse erzeugt hat (die englische Boulevardpresse ist übrigens noch viel schamloser.) war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis irgendwelche B-Politiker ihre Forderungen herausposaunen. So auch ein Herr Fischer, selbst ernannter Gesundheitsexperte und Vertreter der These, dass nun die ärztliche Schweigepflicht aufzuheben sei.

Herr Fischer, das letzte mal, als es in Deutschland keine Schweigepflicht für psychische Erkrankungen gab ... merken Sie selber, oder?

Antithese
Über Depression und andere psychische Erkrankungen zu schreiben und zu sprechen, fällt schwer, weil es mindestestens soviele Krankheitsausprägungen und Ursachen wie Betroffene gibt. Es gibt nicht "DIE Depression", "DAS Borderlinesyndrom" oder "DIE Suizidalität". Es gilt also zu differenzieren, abzuwägen und genau hinzuschauen. All dies ist in den letzten Tagen auf der Strecke geblieben. (Schlagzeilen eignen sich nun mal schlecht für Differenzierungen.) Ich kann hier also auch nur von mir oder von mir bekannten Fällen erzählen:

Ich habe in meinem Leben bereits zwei Klinikaufenthalte hinter mir. Beim ersten mal, 2011, hatte ich das unglaubliche Glück, an eine Privatklinik geraten zu sein. Im November 2014 war ich fünf Wochen in der Klinik Lahnhöhe, einem Krankenhaus, das als Akutkrankenhaus ausgewiesen ist. Trotzdem verzögerte sich meine Aufnahme im mehrere Wochen, weil die private Krankenkasse eine direkte Aufnahme verweigerte und sich eine Prüfung vorbehielt. Dass ich in diese Wochen einigermaßen überstanden habe, verdanke ich meiner Frau. Danke dafür!
Hätte ich mir stattdessen ein Bein gebrochen, hätte hier in Wassenach innerhalb weniger Minuten ein Hubschrauber auf der Wiese gestanden.

Heute hat mir eine Freundin berichtet, dass sie nach langer Zeit wieder eine Stelle als technische Zeichnerin angetreten hatte. Nach einem Ausfalltag war sie so ehrlich, ihren Chef der vor der Einstellung bescheid wusste) ins Vertrauen zu ziehen und hatte ihm den Vorschlag gemacht, dass sie an solchen Tagen im home office zeichnen könnte. Der Vorschlag wurde abgelehnt mit den Worten, dass sie sich lieber krank melden solle, dass käme ihn billiger. Da steht wohl demnächst eine Kündigung an.

Auf Twitter musste ich letztens auf die Frage, wie man mit einer längeren Auszeit durch Depresion umgehen solle, allen Ernstes die Antwort lesen "Sag, du hast ein Sabbatjahr genommen, aber sag um Himmels willen nicht die Wahrheit."

Das sind drei Einzelschicksale, die ich dennoch für symptomatisch im Umgang mit psychischen Krankheiten halte.

Synthese
Ich durfte in den letzten Jahren viele Menschen mit einer Depression kennen lernen. Zu einigen habe ich noch Kontakt, andere Bekanntschaften sind irgendwann versandet. Ich möchte keine dieser Begegnungen missen.
Und! Keiner dieser Menschen ist erstens freiwillig krank geworden und zweitens hat keiner dieser Menschen seine Krankheit aus freien Stücken unter Verschluss gehalten. Viele hatten und haben unglaubliche Schamgefühle, manche hatten panische Angst vor der Reaktion ihrer Mitmenschen, viele hatten oder haben Existenzängste und manche fühlen sich von ihrem Umfeld nicht ernst genommen, mit der fatalen Folge, dass sie sich und ihre Krankheit selbst nicht ernst nehmen. (Um auf das gebrochenen Bein zurückzukommen: Im Traum würde das niemandem Einfallen. Da würde irgendwann der Stift zum Unterschreiben rumgereicht.)

Vielen psychisch Kranken fehlt das Vertrauen in ihre Mitmenschen. Bei mir rührt es daher, dass viele Verletzungen einfach zu tief sitzen und das Vertrauen in die eigene Person in weiten Teilen stark gestört, oder nicht vorhanden ist.

Auf der anderen Seite scheint vielen "Normalos" das Vertrauen in die Fähigkeiten psychisch kranker Menschen zu fehlen - die Fähigkeit zu sprechen. Wie sonst sollte ich die Äußerungen eines Herrn Fischer verstehen.
In einigen Gesprächen mit gesunden konnte ich heraushören, dass da blanke Angst sitzt. Durchaus berechtigte Angst, denn jeden von uns kann es umhauen. Vor allem die, denen man es niemals im Leben zugetraut hätte, die, denen man nachsagt, aus einem "guten Elternhaus" zu kommen, oder die, die man immer als fröhliche Menschen erlebt hat. Ist es dieses Klima der Angst und Unsicherheit, die Menschen zu einem Satz bewegt "Wenn sie schwanger von ihm ist, schuldet sie der Menschheit eine Abtreibung." (Nein, ich werde auch diesen Tweet nicht verlinken!)

Wie wäre es stattdessen, ein Klima des Vertrauens aufzubauen. Ein Klima in dem man(n) sich nicht mehr seiner Schwächen schämen muss. Eine Gesellschaft, die darauf vertraut, dass psychisch kranke Menschen berichten, wie ihnen zu Mute ist, ohne existenzielle Konsequenzen befürchten zu müssen. Eine Gesellschaft, in der nicht nur der Starke zählt. Eine Gesellschaft, in der ich nicht jedes Jahr einen neuen Antrang auf Psychotherapie stellen muss, aber Physiotherapie an jeder Ecke bekomme. Eine Gesellschaft, die sich der Angst vor psychischen Erkrankungen stellt, in der Depressive angstfrei ihre Erfahrungen teilen können und man ihnen vorurteilsfrei zuhört.
Eine solche Gesellschaft würde Äußerungen wie die des Herrn Fischer überflüssig machen, weil ein echter vertrauensvoller Dialog zwischen Kranken und Gesunden entstehen würde.

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