Sonntag, 10. Mai 2015

Gefühlschaos - Nachtrag zu "Mir egal!"

Ich habe hier versucht, vom Zustand der totalen Gefühllosigkeit zu berichten.
Da kommt sicherlich die Frage auf: Und wie war das vorher? Warst du aus Eis?

Natürlich war ich kein Eisklotz. Schließlich habe ich in der Zeit vorher die tollste Frau der Welt geheiratet und das großartigste Kind der Welt gezeugt. Da sollten schon Gefühle dabei gewesen sein, oder?


Nee, jetzt mal Scherz beiseite. Wann mir die Gefühle 2011 Abhanden gekommen sind, kann ich nicht mehr sagen, aber es war vorher eben deutlich anders. Ich habe im Nachhinein das Gefühl, vorher nie Richtig mit meiner Gefühlswelt im Dialog gestanden zu haben. Die waren zwar da, aber immer irgendwie - störend, lästig, nicht wichtig, nur in Maßen zu genießen … Insofern werde ich meine Gefühle 2011 nicht verloren haben. Nur hat es den Eingang in die Welt gründlichst verschüttet.

Ich habe von der Farbpalette der Gefühle geschrieben. Vielleicht könnte man den Zustand vor dem Krankheitsausbruch mit einem Gemälde oder Foto vergleichen, über dem ein Grauschleier liegt. Das Bild mit seinen Strukturen ist zwar erkennbar, aber es fehlt jede Strahlkraft. Es ist, egal wie gut es komponiert ist, einfach nicht schön.

Ich hatte meine Gefühle immer irgendwie unter dem Schleier des Verstandes.
Es ist nicht gut, wenn jetzt hier wütend werde. Dann denkt man schlecht von mir.
Sei nicht so albern, das gehört sich nicht.
Mäßige dich ein wenig. Denk mal an die anderen, die es nicht so gut haben. (Wie gut, oder nicht gut, ist in dem Falle egal. Wichtig ist ja nur, dass es mir wohl besser geht und ich deshalb gefälligst auch dankbar und bescheiden sein soll.)

Im Nachhinein fühlt es sich an, als wäre immer alles durch den Verstand gedämpft gewesen. Das hat mich ja lange Zeit auch nicht gestört. War ja normal. Ich kannte es nicht anders.
Um mal ein musikalisches Bild zu verwenden: Wenn du Trompete dein Leben lang nur mit Dämpfer spielst, hast du ja keine Ahnung davon, wie geil eine ungestopfte Kanne klingen kann. (Abgesehen davon braucht man in diesem konkreten Fall sogar weniger Kraft, um aus der Tröte einen Ton raus zu holen, wenn kein Dämpfer drauf ist ;))
Ich kenne Menschen, die ihren Dämpfer schon ihr ganzes Leben auf dem Instrument haben und damit gut zurecht kommen. Warum den Dämpfer denn runter nehmen, wenn ich doch schon so viele Jahre damit klarkomme. Wer weiß, wie sich das nachher anhört.


Aber!


Noch viel schlimmer als der Grauschleier war in meinem Fall das Unterdrücken sämtlicher negativer Gefühle mir selbst gegenüber. Ich habe mich einfach immer weiter selbst ausgebeutet, selbst als ich mich schon schwach, kaputt und am Boden gefühlt hab. Verstandesmäßig musste es ja aus meiner Sicht immer weiter gehen. Haus, Familie, Job. Immer weiter. Egal, wie es mir dabei geht. Ich konnte die Gefühlswelt ja komplett Steuern. Dachte ich zumindest ...

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