Donnerstag, 7. Mai 2015

Kontrollverlust


Es ist Herbst 2011. 6:23 
Wetter? Egal, weiß ich nicht? 
Tag? Was weiß denn ich. 
Ich muss arbeiten. Das weiß ich! 
Ich stehe jeden Morgen um 6:23 auf. 

Im Radio haben sie mal gesagt, das sei die durchschnittliche Aufstehzeit der Deutschen. Irgendwo muss ich ja bitte mal Durchschnitt sein dürfen.

Ich bin müde. Nein, nicht müde. Ich bin zum Umfallen erschöpft. Vermutlich habe ich Ringe um die Augen und bin kreidebleich. Mir doch egal. Es ist 6:23. Arbeit! Du hast dir das Beförderungsverfahren ans Knie getackert. Jetzt mach auch. Das sind 500 Euro. Im Monat!

Heike kommt in die Küche. Sie schaut besorgt.
„Was machst du denn hier?“
„Ich muss arbeiten!“
„So? In dem Zustand?“
„Ich muss arbeiten!“
„Gar nichts musst du. Du musst zum Arzt!“

Sie greift zum Telefon.
Meldet mich krank.
Für sehr lange Zeit.
Mir egal.
Was passiert gerade?
Mir egal.
Was soll ich tun?
Mir egal.
Macht einfach alle.
Ich muss weitermachen.
Bis zum Umfallen - im Herbst 2011 um 6:23


An viel mehr kann ich mich von diesem Tag nicht erinnern. Wir sind zu meiner Hausärztin gefahren, die mich vier Wochen aus dem Verkehr gezogen hat. Ob damals schon das D-Wort fiel, weiß ich nicht. Vermutlich war ich mir noch immer sicher, dass es mir wieder besser gehen würde, wenn ich mich mal vier Wochen richtig ausschlafen könnte.

Was war vorher passiert? In diesem Augenblick war mir nicht klar, was zu diesem Zusammenbruch geführt haben könnte. Ein Innehalten, Reflektieren und Nachdenken war mir nicht möglich. Lediglich Funktionieren hat funktioniert. Funktionieren gibt ein sicheres Korsett. Funktionieren ist toll.

In der Rückschau weiß ich nur, dass mein Körper mir schon vorher deutliche Signale gegeben hat, dass es zu viel war. Das war die Phase, in der ich mich über jede Erkältung und jeden Magen-Darm-Infekt gefreut habe. Gaben sie mir doch eine Entschuldigung vor mir selbst, für kurze Zeit nicht funktionieren zu müssen und trotzdem die Kontrolle zu behalten – zumindest bis zu jenem Tag im Herbst 2011 um 6:23 - als ich die Kontrolle über mein Leben verlor und bis heute darum kämpfe, sie wieder zurück zu gewinnen.

Kommentare:

  1. Cool, dass Du das jetzt einfach mal niederschreibst was Dir da passiert ist. Und Daumen hoch für Heike die in dieser Situation das Richtige getan hat und Dich erst mal aus dem Verkehr gezogen hat.

    Und "Funktionieren" ist zwar nett, aber man muss auch mal nicht funktionieren dürfen. Und auch für länger, wenn das notwendig ist.

    Ich hoffe sehr, dass Du irgendwann wieder "lebst" und nicht nur "funktionierst". Denn wie ich mittlerweile selbst erfahren musste gibt es da schon einen kleinen aber wichtigen Unterschied.

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  2. Danke für deinen Kommentar, Rainer. Und ja, ich habe das Gefühl, dass ich langsam wieder anfange zu leben. Rückblickend bin ich übrigens ausgesprochen froh, dass ich den Unterschied erleben musste/durfte.
    Und dieser Unterschied ist nach allem, was ich bis jetzt schon so weiß, ziemlich gewaltig. Und soll ich dir was sagen? Ich freu mich jeden Tag drauf, diesen Unterschied mehr und mehr zu spüren.

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