Dienstag, 19. Mai 2015

Mein erstes Mal

Martin Ingenhoven
Anreise: 02.11.2011

Das waren die beiden Fixpunkte, die ich im Herbst 2011 noch hatte. Der Rest war konturlos, höchstens schemenhaft.
Über die nächsten Monate ist es mir mit Hilfe vieler lieber Menschen zum Glück gelungen, den Nebel wieder deutlich zu lichten.

"Licht" soll in gewissem Sinne auch Thema dieses Artikels sein - ich möchte einfach mal den Alltag in einer psychosomatischen Klinik ein wenig beleuchten. Vielleicht gelingt es mir ja, das Halbdunkel, in dem Irrenhaus, Klapsmühle und Ballerburg liegen, ein wenig zu erleuchten. (Ich verspreche, dass das hier das letzte unterbelichtete Wortspiel war. Der Rest ist hoffentlich erhellender. (Ups ...))

Eins gleich vorneweg. Geschlossene Psychiatrie, und Psychosomatische Klinik sind zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe. Aber komplett. Ein Unterschied, der mir damals nicht klar war. Deshalb hatte ich - tiefschwarzer Humor als Schutzfunktion hatte offensichtlich noch funktioniert - vor meiner Anreise nach Bad Säckingen die Vorstellung von Zwangsjacken, durchgeknallten Napoleons und zugedröhnten Valiumleichen. Schließlich war ich bis dahin in meinem Leben noch nie mit einer derartigen Einrichtung konfrontiert worden, geschweige denn, dass da mal wertungsfrei drüber gesprochen wurde. (Leserinnen und Leser aus Düsseldorf werden sicherlich auch noch den ein oder anderen saudoofen oder hilflosen Witz über Grafenberg kennen ...)


Das Bild habe ich am Ende meines ersten Klinikaufenthaltes im Rahmen der Kunsttherapie gemalt. Relativ schnell habe ich aber lernen dürfen, dass alles, wirklich alles in einer psychosomatischen Klinik eine therapeutische Funktion hat.

Direkt nach der Anreise tat sich eine Parallelwelt auf, in der mir Anfangs jede körperliche Belastung abgenommen wurde. Damit habe ich einige Wochen kämpfen müssen. Immer noch war ich getrieben, schlief nur mit schlechtem Gewissen nachmittags, irgendwas musste ich doch tun können. Ich wehrte mich dagegen, dass man mein Bad putzte und das Bett frisch bezog. Das wäre doch eigentlich meine Aufgabe. Keine Ahnung, wie lange es gedauert hat, bis mein Widerstand zuzammengebrochen ist. Bis ich endlich eingesehen hatte, dass ich mich in einem Zustand befand, in dem ich zwanzig Stunden am Tag schlafen musste, um überhaupt irgedwie zu überleben.
Es ist so unglaublich schwer, zur Ruhe zu kommen - und dann kriegst du noch nicht mal nen winzigen Anreiz geboten, die Ruhe durch Geschäftigkeit zu vermeiden ...

Dankbar war ich irgendwann um feste Essenszeiten. Sie waren das Erste, das meinen Tagen wieder Struktur gab - auch wenn ich zwischen den Mahlzeiten wieder schlief wie ein gestresster Stein. Anders als in den Beinbruchgallensteinkrankenhäusern gibt es übrigens Speisesäle. Nicht zurückziehen, nicht einigeln. Unter Menschen gehen, auch wenn es schwer fällt. Immerhin weiß jeder da unten beim Essen, wie es mir geht. Verstecken ist nicht notwendig.

Überhaupt waren manche Stunden, manchmal auch nur Minuten, mit Mitpatienten wichtiger, als die ärztlich angesetzten Therapien.
Natürlich hat jeder sein eigenes Päckchen zu tragen, aber was die Menschen drinnen von denen draußen unterscheidet, ist die Tatsache, dass drinnen jeder um diese Päckchen weiß. Es gibt also keinen Grund, sich schämen und verstecken zu müssen. Es war für mich eine unglaublich heilsame Erfahrung, spüren zu können, das ich nicht der einzige Verrückte auf der Welt bin. Außerdem habe ich unter all den Verrückten sehr viele umsichtige, untelligente, liebenswerte, sensible, gefühlvolle und achtsame Menschen kennen gelernt. Dieser achtsame Umgang miteinander ist durch nichts zu ersetzen und fehlt mir hier draußen ziemlich oft.
Im Irrenhaus achten wirklich alle aufeinander, ohne sich zu nahe zu treten oder einander zu bewerten und zu verurteilen. Reichlich paradiesische Zustände in so einer Klapsmühle also ...


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