Sonntag, 10. Mai 2015

Mir egal!

Ich war leer.
Komplett, vollständig, total.
So leer, dass es mir gerade schwer fällt, über diesen Zustand zu schreiben.


Herbst 2011.

Von Unruhe zerfressen, mich selbst verloren und gefühllos. Lasse alles mit mir geschehen.
Ohne Selbstachtung, ohne Selbstliebe.
Unfähig, irgendetwas zu empfinden.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Geschenkt!
Die stirbt als allererstes!


Du bist in dieser Klinik. Hast keinen Rhythmus mehr, schläfst am helllichten Tag sechs Stunden am Stück, obwohl du abends schon mit Mirtazapin auf die Glocke gekriegt hast.
Schlaf zieht sich einfach überall durch. Kein erholsamer Schlaf. Sinnloser Schlaf. Schlaf mit der Hoffnung, dass es irgendwann vorbei ist.

Erste Struktur wird wieder möglich durch feste Essenszeiten.
Wozu eigentlich?
Bringt doch sowieso nichts.

Du schläfst den ganzen Tag, dabei scheint doch die Sonne und du musst nicht arbeiten.
Geh doch wenigstens spazieren.
Wozu eigentlich?
Ich wohne im zweiten Stock, Zimmer 307. Ich bin nicht fähig, zwei Etagen Treppen ohne Pause zu steigen. Ich sitze vor der Tür zum ersten Stock.
Nach Luft ringend.
Ich heule nicht. Das geht schon lange nicht mehr. Ich sitze einfach und warte, dass es vorbei geht.

Dann lies doch wenigstens was, wenn du so erschöpft bist.
Wenn ich mehr als meinen Vornamen an einem Stück lesen könnte, würde ich das längst tun. Ich kann mich nicht konzentrieren. Und warum sollte ich lesen? Bringt doch sowieso nichts.

Ich lasse mich gehen. Nehme kiloweise zu, meine Kleidung beginnt mir egal zu werden. Selbstachtungsreste hindern mich daran, im Schlafanzug in den Speisesaal zu gehen.
Aber viel fehlt nicht.
Mir egal!

Und irgendwann sitzt da diese Mitpatientin in der Raucherecke, die meinen Hals innerhalb kürzester Zeit anschwellen lässt. Die geht mir sowas von auf den S..k!

Es vergeht Zeit.
Viel Zeit!
Bis mir die Therapeuten klarmachen, dass das ein Gefühl in meinem Hals war!
Hass!
Blanker Hass!
Kein schönes, kein erwünschtes Gefühl. Aber ein Gefühl.
Nach Wochen der Apathie.
Mittlerweile, nach fast vier Jahren bin ich dieser Frau zutiefst dankbar.
Dankbar dafür, dass ich sie im Januar 2012 hassen durfte.


Heute, im Mai 2015, sitze ich hier und bin wieder dankbar.
Dankbar, dass ich durch meine Krankheit fühlen lernen durfte.
Zuerst nur ganz zaghaft nachschauen, welche Farben es so auf dieser unglaublich bunten Gefühlspalette gibt.
Funktionieren hat ja keine Farben.
Deshalb ist mir diese Palette zu beginn unheimlich und fremd. Da sind Farben vom tiefsten schwarz bis zum knalligsten Pink.
Dann testen, wie sich die einzelnen Farben anfühlen, damit herumexperimentieren.
Und schließlich, für mich ein unglaublich schwerer Schritt (der bis jetzt noch nicht ganz abgeschlossen ist), alle Gefühle Zulassen. Keins davon ist schlecht, verachtenswert, verabscheuenwürdig.
Wut und Zorn sind genauso erlaubt, wie unbändige Albernheit. Ich muss meine Emotionen und Gefühle nicht kontrollieren, nur weil mir irgendjemand einredet, ich müsste das so tun.
Was für ein Blödsinn. Raus damit! Und dann durch alle Konsequenzen hindurchleben, die das mit sich bringt.
Und wisst ihr was? Das macht einen Heidenspaß.
Und ja, wenn es dazu nötig war, einmal durch die Hölle und zurück zu wanken - das war es wert!

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